Virtuelle Kongresse/Weiterbildung


Fortbildung ohne Reisen

Lernen von der ganzen Welt - So nützen Sie virtuelle Kongresse

 

Der Wissenstransfer funktioniert bei virtuellen Kongressen hervorragend. Der Netzwerkaspekt bleibt bei den digitalen Veranstaltungen bemüht: Ein gestreamtes Pub-Quiz kann einen Ski-Tag oder ein festliches Dinner nicht ersetzen.  

Er zählt weltweit zu den Grand Slams der wissenschaftlichen Kongresse: Seit den 1990er-Jahren lockt der European Congress of Radiology (ECR) zehntausende Mediziner und Branchenanbieter zum fachlichen Austausch nach Wien. Beim letzten „normalen“ Event im Jahr 2019 strömten 30.000 Teilnehmer aus 130 Nationen für fünf Tage in die österreichische Bundeshauptstadt. Corona und die verbundenen Reisebeschränkungen trafen die Organisatoren der European Society of Radiology (ESR) wie ein Schlag in die Magengrube. Der ECR 2021 (3. bis 7. März) sollte dafür zur Mutter des virtuellen Kongresses werden, wie ESR-Sprecher David Zizka zwei Tage vor Messestart sagte: „Wir liefern Vorträge und Diskussionen von 7 bis 22 Uhr – und das auf fünf Kanälen“.  342 Sessions mit 1.887 Einzelvorträgen (live und on-demand) sowie 1.408 elektronische Posterpräsentationen von 2.421 Referenten liefern eine State-of-the-Art-Präsentation über Trends und Zukunft der Radiologie.

 

Suche nach den Netzwerk-Effekten

Die ECR-Organisatoren rechneten heuer mit 15.000 registrierten Medizinern und mehr als 8.000 Teilnehmern aus sämtlichen Bereichen der Medizintechnik. Zizka nennt dies „unter den gegebenen Umständen einen außergewöhnlichen Erfolg. Doch es zeigt: Der Übergang vom analogen zum virtuellen Großkongress passiert nicht ohne Reibungsverluste. Unter dem Strich bleibt ein Teilnehmerrückgang jenseits der zwanzig Prozent. Der Zauber Wiens, die persönlichen Fachgespräche und die wertvollen Netzwerk-Kontakte sind durch virtuelle Kongresse nur schwer wettzumachen. Zizka weiß um das soziale Defizit von virtuellen Veranstaltungen: „Wir haben einen Informations- und Unterhaltungskanal mit eigenem Studio geschaffen, um unsere Teilnehmer besser zu vernetzen.“ In einem speziell eingerichteten Sendezentrum im Wiener Hotel Kempinski wurden im „Channel 1“ Talk-Runden mit Koryphäen oder auch interaktive Kurse in Yoga, Qigong und Aikido geboten. Den inhaltlichen Kern des Infotainment-Kanals bildete die sogenannte „Pop-Up World Tour“: Dabei werden Veranstaltungen quer über den Globus ausgerichtet, die den Grundstein für künftige Netzwerktreffen legen.

 

Netzwerken im Netz

„Virtuelle Kongresse brauchen Trigger, die Teilnehmer in Kontakt bringen“, meint Laura Wirsing. Sie ist Sprecherin des Weimarer Softwarehauses Coveria, das sich auf die Entwicklung umfassender Kongress-Software spezialisiert hat. Virtuelle Konferenzen ohne interaktive Komponenten würden als „leblos und unvollständig“ empfunden. Ein interessantes Beispiel ist ein virtuelles Pub-Quiz, das bei einer Konferenz für ferroelektrische Anwendungen organisiert wurde. Ein wichtiger Teil jedes Kongress-Netzwerkens sind Diners und gemeinsame Abendessen. Laura Wirsing erzählt aber vom großen Erfolg des Congress on Mathematical Software an der TU Braunschweig, der vergangenes Jahr einen virtuellen Kochwettbewerb veranstaltete. Laura Wirsing: „Kongresse funktioniert immer dann am besten, wenn die daran beteiligten Personen einander von einer anderen Seite erleben.“ Konferenzen ohne Rahmenprogramm wirkten dagegen immer ein bisschen „unfertig“ – und das gelte „besonders für virtuelle Konferenzen. Da gelten andere Kriterien“.

Konferenz-Kriterien

Die Konferenzteilnehmer sollten sich auf die Neuartigkeit der digitalen Veranstaltungen vorbereiten. Denn virtuelle Kongresse fordern die Konzentration der Zuhörer deutlich stärker als ein persönliches Referat. Eine Rededauer von 60 Minuten, die bei einer Konferenz vor Ort kein großes Problem darstellt, fühlt sich im virtuellen Raum wie ein Marathon an. Das Konferenzprogramm zeigt: Kürzere, auf den Punkt gebrachte Präsentationen bringen mehr Wissen zu den Zuhörern. Aber Vorsicht mit der Kürze: Wenn der Vortrag als Fortbildung zertifiziert ist und Punkte bringen soll, darf das Referat in seiner Gesamtheit 45 Minuten nicht unterschreiten. Es darf aber aus mehreren zusammenhängenden Teilen bestehen.

 

Vorbereitung für Vortragende: Setzen Sie Bilder ein

Für Redner bieten sich im Stream zwei Formate an: Bedingt durch Reiseaufwand und Corona-Beschränkungen können vorbereitete Videos online gestellt werden. Oder es wird – wie beim Radiologenkongress – ein Studio eingerichtet, in dem Präsentationen und Talk-Runden live ausgestrahlt werden – die auch später abgerufen werden können. Laura Wirsing rät, die Auftritte in Unterpunkte zu gliedern und für jedes Kapitel ein eigenes kurzes Video zu produzieren.

 

Die Kapitel werden vom Speaker live mit Bildern oder eigenen Moderationen verbunden und aufgelockert. Wirsing: „Bei Online-Vorträgen ist die Visualisierung durch Fotos noch wichtiger als bei Präsenzveranstaltungen.“ Statt eines durchgehenden 15-minütigen Vortrags gibt es so vielleicht drei Videos mit einer Länge von jeweils fünf Minuten.

 

Moderatoren fördern Interaktionen

Moderatoren sind Katalysatoren der Kommunikation. Sie beflügeln das Teilnehmerinteresse und bremsen den Speaker, wenn er sich verliert. Sie glätten die Wogen bei Auseinandersetzungen oder filtern unangebrachte Kommentare heraus. So profitieren Teilnehmer von moderierten Veranstaltungen, weil die Kommunikationsschwellen sinken.

 

Hybrid wird die Zukunft

Die Kongresslandschaft zählt zu jenen Bereichen, die auch nach Zähmung der Seuche nie wieder so werden wird wie zuvor. ESR-Sprecher David Zizka erwartet hybride Modelle: „Online-Inhalte werden die Gestaltung der Präsenzkongresse von Grund auf neu ordnen.“  Er ist sich aber sicher, dass „die persönliche Kommunikation durch einen Video-Stream nicht wettgemacht werden kann“.


In Kürze

  • Virtuelle Kongresse sind keine Webinare im Dauerstream. Sie verlangen strukturiertere Vorträge in kürzeren Einheiten.
  • Der Zuspruch ist bei den virtuellen mehrtägigen Ärztekongressen deutlich geringer als bei Präsenzveranstaltungen. Organisatoren von Tagesveranstaltungen hingegen profitieren.
  • Digitale Infotainment-Konzepte sollen die beliebten Rahmenprogramme ersetzen. Der Netzwerk-Aspekt bleibt für Kongressbesucher auch in Pandemie-Zeiten wichtig.
  • Vortragende und Zuhörer müssen ihre Kongresserfahrungen adaptieren. Ein 40-minütiger Vortrag im Netz verliert schneller Zuhörer als eine Live-räsentation.
  • Die Kongresszukunft gehört nach Corona den hybriden Veranstaltungen: Abrufbare Online-Events verdichten das Präsenzprogramm.

Punkte für die Fortbildung

Zertifizierte oder akkreditierte Kongressveranstaltungen gelten als traditionelle Fortbildungsinstrumente. Ihr Besuch bringt den Medizinerinnen und Medizinern je nach Heimat DFP- (Diplom-Fortbildungs-Punkte), CME- (Continuing Medical Education) oder auch CPD-Punkte (Continuing Professional Development). In Österreich und Deutschland müssen die E-Learning-Vorträge mindesten 40 Minuten betragen, in der Schweiz 40 bis 60 Minuten. Die Kongressorganisatoren geben vorher bekannt, ob und wie viele Fortbildungspunkte die Veranstaltungen mobilisieren. Die korrekte und nachvollziehbare Absolvierung der Veranstaltungen ist natürliche Voraussetzung für die Zuerkennung. 


Source: In welche Richtung entwickelt sich die Fortbildung? Ein Positionspapier des Schweizerischen Instituts für ärztliche Weiter- und Fortbildung (SIWF) 10/2018

[placeholder] AT-JYS-0001, Erstellt: März 2022